Die Würde ungeborener Kinder – Warum die Union endlich umdenken muss

February 10, 2019

In den letzten Monaten ist in Deutschland eine seit den 1970er Jahren immer wieder aufkommende Kontroverse entbrannt. Der Fokus der Diskussion hat sich mal wieder auf das Thema Abtreibung gerichtet. Zunächst ging es um eine Streichung oder Aufweichung des § 219a StGB, welcher die Werbung für Abtreibung unter Strafe stellt. Danach haben die Jusos sogar die Streichung des § 218 StGB und damit eine Legalisierung aller Abtreibungen bis zur Geburt gefordert. Der Kompromiss der 1990er Jahre wird damit von SPD, Grünen, FDP und Linken grundsätzlich in Frage gestellt. Bei solchen Forderungen müssen sich die Christdemokraten in Deutschland ganz grundsätzlich überlegen, wie sie in der Zukunft mit diesem Thema umgehen wollen. Die bloß temporäre Schadensbegrenzung, welche letztlich die zunehmende Erosion des Schutzes ungeborener Kinder hinnimmt, kann dabei keine Option mehr sein. Es ist vielmehr nötig, eine neue Bewertung unter moralischen und rechtlichen Aspekten vorzunehmen, um adäquate Lösungen im Bereich des pränatalen Lebensschutzes zu erarbeiten.

 

Die moralische Bewertung der Abtreibungsproblematik hängt von der Antwort auf zwei wesentliche Grundfragen ab:

 

(1) Ist jedem Menschen ein unwandelbarer und unverfügbarer Eigenwert immanent?

(2) Beginnt das Menschsein schon mit der Empfängnis?

 

Das Herzstück des christdemokratischen Denkens war schon immer ein korrektes Verständnis vom Menschen und seines einzigartigen Wertes. Der Mensch ist kein zufälliges rein materielles Produkt der Natur, sondern ein Geschöpf Gottes mit einer geistigen und unsterblichen Seele. Alle Menschen sind im Ebenbild Gottes geschaffen und ihm ähnlich. Daher hat der Mensch die Würde, Person zu sein; er ist nicht bloß etwas, sondern jemand. Er ist damit das einzige Geschöpf auf Erden, welches von Gott um seiner selbst willen gewollt ist. Kein Mensch ist bloß ein Mittel zum Zweck, sondern ein Zweck an sich. Aus diesem Grund kommt jedem Menschen eine unvergleichliche Würde zu. Aus dieser erwächst für jede einzelne Person ein absolut zu achtendes und zu schützendes Recht auf Leben.

 

Das Recht auf Leben kommt dem ungeborenen Kind allerdings nur dann zu, wenn es tatsächlich von der Empfängnis an ein Mensch ist. Das hängt insbesondere von drei Kriterien ab:

 

(1) Ist es lebendig?

(2) Ist es menschlich?

(3) Ist es ein eigener Organismus?

 

Das Kind ist lebendig, weil es Nährstoffe von der Mutter empfängt, was zu einem Wachstum durch zelluläre Reproduktion führt. Es ist zwar fürs Überleben noch auf die Hilfe der Mutter angewiesen, aber das gilt in gleichem Maße auch für ein geborenes Kind und spricht nicht gegen die Lebendigkeit. Auch die Menschlichkeit liegt unzweifelhaft von Beginn an vor. Das ergibt sich aus der Abstammung von menschlichen Eltern und der menschlichen DNA. Es müsste auch ein eigener Organismus sein. Ein Organismus ist definiert als eine Ansammlung von biologischen Teilen oder Organen, die zusammenwirken, um die Existenz eines Lebewesens aufrechtzuerhalten. Entscheidend ist insbesondere, dass sich das Lebewesen bei hinreichender Zeit, Ernährung und einer angemessenen Umwelt zu einem erwachsenen Mitglied seiner Spezies entwickelt. Bloße Körperzellen können sich nicht in einen ausgewachsenen Menschen entwickeln. Gibt man dem ungeborenen Kind hingegen ausreichend Zeit, Ernährung und eine angemessene Umwelt, wird es sich zu einem ausgewachsenen Menschen entwickeln. Ein ungeborenes Kind ist kein „vormenschliches Etwas“, ein „Teil der Mutter“ oder „werdendes Leben“. Wir haben es von der Zeugung an mit dem Leben eines Menschen in seiner ersten Lebensgestalt zu tun, in der alle späteren Stadien angelegt sind.

 

Das menschliche Leben ist also bereits von der Empfängnis an absolut zu achten und mit höchster Sorgfalt zu schützen. Schon in diesem ersten Augenblick seines Daseins sind dem menschlichen Wesen die Rechte der Person zuzuerkennen, darunter das unverletzliche Recht jedes unschuldigen Wesens auf das Leben. Das unveräußerliche Recht auf Leben muss von der bürgerlichen Gesellschaft und der staatlichen Macht anerkannt und geachtet werden. Es hängt nicht von einzelnen Individuen, den Eltern, der Gesellschaft oder dem Staat ab. Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit von der Empfängnis bis zum Tod gehört zur menschlichen Natur und wurzelt in der Person kraft Schöpfungsaktes, in welchem es seinen Ursprung genommen hat. Eine direkte, das heißt eine als Ziel oder Mittel gewollte, Tötung ungeborenen menschlichen Lebens verletzt die Unantastbarkeit des Lebens und die schutzwürdigen Grundlagen der menschlichen Rechtsgemeinschaft.

 

Das Lebensrecht des ungeborenen Kindes wird vom BVerfG auch prinzipiell anerkannt. Es hat dazu folgende Leitsätze formuliert:  Das Grundgesetz verpflichtet den Staat, menschliches Leben, auch das ungeborene, zu schützen. Diese Schutzpflicht ist in Art. 1 Abs. 1 GG begründet; ihr Gegenstand und Maß werden durch Art. 2 Abs. 2 GG näher bestimmt. Die Menschenwürde kommt schon dem ungeborenen menschlichen Leben zu. Die Rechtsordnung muss die rechtlichen Voraussetzungen seiner Entfaltung im Sinne eines eigenen Lebensrechts des Ungeborenen gewährleisten. Der Schwangerschaftsabbruch muss für die ganze Dauer der Schwangerschaft grundsätzlich als Unrecht angesehen und rechtlich verboten sein. Das Lebensrecht des Ungeborenen darf nicht der freien, rechtlich nicht gebundenen Entscheidung eines Dritten, und sei es selbst der Mutter, überantwortet werden. Auf den Einsatz auch des Strafrechts und die davon ausgehende Schutzwirkung darf nicht frei verzichtet werden. Deswegen wäre eine Umsetzung des Vorschlags der Jusos, welche zur Streichung des § 218 StGB und damit zu einem völligen Verzicht auf strafrechtlichen Schutz führen würde, ein offenkundiger Verstoß gegen die Leitlinien des BVerfG und damit auch gegen die Verfassung.

 

                                                                                                                        Foto-Quelle: © mojolo - www.Fotolia.com

 

Das BVerfG hat es dem Gesetzgeber aber nicht verwehrt, zu einem Konzept für den Schutz des ungeborenen Lebens überzugehen, das in der Frühphase der Schwangerschaft den Schwerpunkt auf die Beratung der Frau legt, um sie für das Austragen des Kindes zu gewinnen, und dabei auf eine Strafdrohung verzichtet. Schwangerschaftsabbrüche, die nach der Beratungsregelung vorgenommen werden, dürfen aber nicht für gerechtfertigt erklärt werden. Auch wenn dadurch die faktische Möglichkeit besteht, Schwangerschaftsabbrüche straflos vorzunehmen, bleiben sie dennoch rechtwidrig und stellen weiterhin Unrecht dar. Mit diesem Grundsatz kann eine Streichung oder Aufweichung des § 219a StGB nicht in Einklang gebracht werden. Es wäre widersprüchlich, Schwangerschaftsabbrüche als rechtswidrig zu bewerten und gleichzeitig Werbung für solche zu erlauben. Für Unrecht darf nicht geworben werden. § 219a StGB verbietet auch keine Informationen für Schwangerschaftsabbrüche. Verboten ist nur der öffentliche Hinweis eines Arztes, dass man bei ihm eine Abtreibung buchen kann. Die öffentliche Information über die eigenen Dienstleistungen (z.B. auf einer Internetseite) ist nie neutral und hat immer einen werbenden Charakter.

 

Das BVerfG erkennt zwar zu Recht zumindest prinzipiell das Recht auf Leben eines jeden ungeborenen Kindes an. Es kann allerdings im Ergebnis nicht überzeugen, dass dieser Schutz faktisch wieder außer Kraft gesetzt werden darf. Es ist ganz grundsätzlich nicht hinnehmbar, dass ein positives Gesetz einer Kategorie von Menschen faktisch den Schutz raubt, den die Gesetzgebung ihnen gewähren muss. Ein solcher Staat leugnet die Gleichheit aller vor dem Gesetz. Der Staat muss sich in den Dienst der Rechte jedes Bürgers stellen und das in besonderer Weise bei jenen, die am schwächsten sind. Andernfalls wird das Fundament des Rechtsstaates ausgehöhlt. Das Lebensrecht jedes ungeborenen Kindes muss auch de facto wieder Realität werden. Deshalb ist es durch geeignete Strafmaßnahmen zu schützen. Wenn Raub, Diebstahl oder Vergehen im Straßenverkehr mit Strafe belegt werden, dann ist das ungeborene Kind ein so hohes Rechtsgut, dass seine vorsätzliche Tötung nicht während des ersten Trimesters der Schwangerschaft außerhalb des strafrechtlichen Schutzes gestellt werden darf.

 

Es ist tragisch, dass die Legalisierung von Abtreibung oftmals als zivilisatorischer Fortschritt gesehen wird. Denn realiter war die Entrechtung der ungeborenen Kinder, welche eine seit dem 4. Jh. n. Chr. geltende Selbstverständlichkeit angefochten hat, ein großer Rückschritt. In der antiken Welt war die Tötung von Kindern vor und nach der Geburt gesellschaftlich weitestgehend akzeptiert und es gab keine gesetzlichen Regelungen zu ihrem Schutz. Menschliches Leben hatte in diesem kulturellen Klima insgesamt keinen hohen Stellenwert. Die frühen Christen haben es aber geschafft, einen tiefgreifenden Sinneswandel zu bewirken. Insbesondere die Kirchenväter haben sich gegen die Tötung unschuldiger Kinder gestellt und sie verurteilt. So hat die zunehmende Christianisierung der antiken Welt dazu geführt, dass das Lebensrecht der ungeborenen Kinder im Zuge der Konstantinischen Wende erstmals gesetzlich geschützt wurde. Dieser Schutz wurde bis ins 20. Jahrhundert aufrechterhalten und dann in vielen Ländern Schritt für Schritt wieder zurückgenommen.

 

Wie konnte es zu einer solchen Rückentwicklung kommen? Für klassische Denker wie Augustinus und Thomas von Aquin ist das Naturrecht der Maßstab für moralisches Verhalten und die grundlegenden Rechte und Pflichten im menschlichen Zusammenleben. Es gilt zu allen Zeiten und überall, wo Menschen leben, und gilt in seinem Kernbestand unabhängig von staatlicher Anerkennung. Diese Herangehensweise wurde zunehmend kritisiert und durch eine subjektive Perspektive ersetzt. Die eigenen Wünsche und das eigene Identitätsempfinden wurden zum Maßstab bei moralischen Problematiken. Exemplarisch hierfür ist der Ansatz von Jean-Paul Sartre, nach dem der Mensch zunächst einmal als ein nicht definierbares Wesen in die Welt eintritt, welches sich erst nach eigenen Wünschen und Vorstellungen erschaffen muss („Die Existenz geht der Essenz voraus“). Nach dieser Sichtweise kann ein Mensch ohne jeglichen Wert existieren, weil der Wert sich erst aus der eigenen Selbstbestimmung ergibt. Ein ungeborenes Kind ist dann bloße Existenz und hat keine Essenz, weil es seinen Willen nie ausgeübt oder irgendwas getan hat. Der Wert des Kindes kann nicht mit dem Wert einer zur Selbstschöpfung fähigen Mutter verglichen werden. Der Mensch ist aber nicht sein eigener Schöpfer, sondern von Gott geschaffen. Seine Würde wurzelt im göttlichen Schöpfungsakt und nicht in seiner Selbsterschaffung. Jeder Mensch ist Träger der Imago Dei und besitzt damit einen besonderen Eigenwert, der auch den Menschen zukommt, die nicht zur Selbstbestimmung fähig sind. Wenn es überhaupt so etwas wie Rechte der Person geben soll, kann es sie nur unter der Voraussetzung geben, dass niemand befugt ist, darüber zu urteilen, wer Subjekt solcher Rechte ist. Die Menschenwürde kommt der Person nicht unter der Voraussetzung bestimmter Eigenschaften (z.B. Selbstbestimmung), sondern allein aufgrund ihrer biologischen Zugehörigkeit zur Spezies Mensch zu.

 

Die Union muss in Fragen des Lebensschutzes umdenken. Die anderen Parteien haben längst deutlich gemacht, dass sie Abtreibungen zur völlig normalen Dienstleistung machen wollen. Einen dauerhaften Kompromiss wird es unter diesen Umständen nicht mehr geben. Jeder weitere Kompromiss wird zu noch radikaleren Forderungen führen. Das wird erst dann enden, wenn alle Abtreibungen bis zur Geburt legalisiert sind. In mehreren US-Bundesstaaten wurde sogar schon die Schwelle zur Tötung noch nach der Geburt überschritten. Man kann auf diese Radikalität nur mit einer klaren und kompromisslosen Haltung für das Leben der ungeborenen Kinder reagieren, sofern man einen endgültigen Dammbruch noch verhindern möchte. In einer Zeit, in der alle anderen politischen Kräfte die Menschenwürde lediglich als flexiblen Kampfbegriff für die Durchsetzung der eigenen Agenda sehen, muss wenigstens die Union eine Stimme der Vernunft sein, die ernsthaft für die Menschenwürde eintritt und sie nicht je nach Zeitgeist verbiegt und aushöhlt. Gerechtigkeit ist der feste und beständige Wille, jedem sein Recht zukommen zu lassen. Deswegen ist die Missachtung des Lebensrechts der ungeborenen Kinder eine der wichtigsten Gerechtigkeitsfragen unserer Zeit.

 

„Entgegen aller Wortkosmetik und Reflexionsverweigerung ahnen doch wohl die allermeisten: Abtreibung ist bewusste Tötung von unschuldigen Menschenleben.“ (Papst Johannes Paul II.)

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Empfohlene Einträge

I'm busy working on my blog posts. Watch this space!

Please reload

Aktuelle Einträge