Das 1x1 des Konservatismus - Teil II

October 14, 2018

 

 

Der erste Teil dieser Reihe hat uns eine Einführung in den Konservatismus gegeben und aufgezeigt, dass es ein allzeit gültiges Naturrechtsfundamt gibt, welches in jeder Gesellschaft Geltung haben sollte. Die Grundlage für all diese Werte ist deswegen unverrückbar, weil sie nicht einfach auf menschlichen Meinungen und Befindlichkeiten fußt. Das Naturrecht hat seine Grundlage vielmehr in den Offenbarungen der heiligen Schrift, welche die Grundlage für die christliche Soziallehre darstellen. Diese christliche Soziallehre stellte in der Geschichte immer einen wesentlichen Teil des christdemokratischen Selbstverständnisses dar. Während andere Parteien ihre Grundüberzeugungen auf einem weltlich-ideologischen Fundament geschaffen haben, hat die Union immer erkannt, dass eine wirklich funktionierende Gesellschaftsordnung im Sinne der Würde des Menschen nicht einfach auf vergänglichen Ideen des Zeitgeistes aufgebaut werden kann. Es ist daher besonders wichtig, dass die Union die richtigen Aspekte in den Vorstellungen der anderen Parteien anerkennt, aber auch sehr deutlich die jeweiligen Unzulänglichkeiten adressiert. Wie sieht aber nun ein auf der christlichen Soziallehre aufbauender Gesellschaftsentwurf aus?

 

Das Zentrum jeglicher Soziallehre ist die Würde des Menschen. Es ist daher kein Zufall, dass die Väter unserer Verfassung nach der nationalsozialistischen Terrorherrschaft diese essenzielle Bedeutung der Würde des Menschen wiederentdeckt und sie an die Spitze unserer Verfassung gestellt haben. Die unverrückbare und unveräußerliche Würde eines jeden Menschen wurzelt in der Schöpfung des Menschen nach Gottes Bild und Ähnlichkeit. Das Bild Gottes ist in jedem Menschen gegenwärtig. Alle politischen Kräfte bekennen sich in der einen oder anderen Form zur Würde des Menschen. Wenn man sich diese Lippenbekenntnisse allerdings mal näher anschaut, wird man schnell feststellen, dass die Würde des Menschen nie in ihrer vollen Form erfasst wird. Die Würde des Menschen ergibt sich nicht aus Gefühlen, Meinungen oder Mehrheitsentscheidungen. Sie gilt für jeden Menschen uneingeschränkt von der Empfängnis bis zum Tod. Das bedeutet, dass jedes Verständnis der Menschenwürde, welches Ungeborene, Alte, Kranke, Behinderte, Arme, Menschen mit anderer Hautfarbe oder Herkunft ausschließt, unvollständig ist. Eine christliche Partei hat die Verantwortung die Menschenwürde in ihrer Vollständigkeit zu verteidigen. Keinem Menschen darf sein Menschsein abgesprochen werden.

 

Neben der Würde des Menschen ist auch die grundsätzliche Freiheit des Menschen zu berücksichtigen, welche zu Fehlern und Vergehen neigt. Das konservative Verständnis der menschlichen Natur ist keineswegs optimistisch. Es trägt der Schlechtigkeit des menschlichen Verhaltens Rechnung. Auch die Schöpfung in ihrer Gesamtheit ist gefallen und macht dem Menschen das Überleben nicht einfach. Eine christliche Soziallehre muss auch diesen Aspekten Rechnung tragen. Daher gibt es das Prinzip der Solidarität, das Prinzip der Subsidiarität und vier von Gott eingesetzte Autoritätsbereiche (Staat, Wirtschaft, Kirche und Familie), welche ein gutes gesellschaftliches Zusammenleben unter schwierigen Bedingungen erleichtern.

 

Zunächst müssen die eine Gesellschaft ordnenden Grundprinzipien definiert werden. Das erste Prinzip ist das Solidaritätsprinzip. Es ergibt sich aus der gleichen Würde eines jeden Menschen sowie der menschlichen und christlichen Brüderlichkeit. Es kann mit Schlagworten wie „Freundschaft“ oder „soziale Liebe“  umschrieben werden. Die Solidarität hat vor allem auf der Ebene der Wirtschaft große Bedeutung. Sie gilt aber auch in anderen Bereichen und ist nicht auf materielle Güter beschränkt. Das zweite Prinzip ist das Subsidiaritätsprinzip, welches eine negative und eine positive Ausformulierung kennt. Zum einen bedeutet es, dass sich größere soziale Einheiten nicht in die Angelegenheiten von kleineren sozialen Einheiten einmischen und sie ihrer Kompetenzen berauben sollen. Zum anderen fordert es, dass die kleineren sozialen Einheiten positiv in die Lage versetzt werden müssen ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. Das Subsidiaritätsprinzip ist damit ein Abwehrmechanismus gegen alle kollektivistischen Tendenzen.

 

Als nächstes müssen wir uns unter Beachtung des Solidaritäts- und Subsidiaritätsprinzips die vier Autoritätsbereiche innerhalb einer gut funktionierenden Gesellschaft ansehen. Man darf sich die vier Bereiche natürlich nicht als strikt räumlich getrennte Bereiche vorstellen, die in keinerlei Interaktion miteinander stehen. Es gibt vielmehr viele Überschneidungen und gemeinsame Aufgaben. Allerdings sind es dennoch grundsätzlich unabhängige Bereiche, die nicht einfach in den jeweils anderen Autoritätsbereich intervenieren dürfen. Besonders die Gefahr eines Staates, der versucht die Kontrolle über alle anderen gesellschaftlichen Bereiche zu gewinnen ist immer vorhanden und zeichnet sich auch in der deutschen Politik ab.

 

Der erste Autoritätsbereich ist der Staat. Der Staat hat Autorität über eine große Anzahl von Menschen.  Die Kernaufgaben des Staates sind vor allem innere und äußere Sicherheit, Justiz, Beziehungen zu anderen Staaten durch Diplomatie und die Finanzverwaltung. Am zentralsten sind hierbei der Schutz der Menschen und die Bestrafung von Übeltätern. Die Union muss besonders auf die starke und effektive Wahrnehmung der Kernaufgaben bestehen und verhindern, dass der Staat die Sicherheitsfragen nicht vernachlässigt. Das Subsidiaritätsprinzip hat auch in der dezentralen deutschen Staatsorganisation eine feste Verankerung gefunden (Kommunen, Länder und Bund). Die Union muss sich zentralistischen Tendenzen entschieden entgegenstellen. Auch die Einbindung Deutschlands in internationale und supranationale Organisationen muss unter strikter Beachtung des Subsidiaritätsprinzips erfolgen und kann nicht als Selbstzweck gesehen werden. Insbesondere darf die grundsätzliche Aufteilung der Weltgemeinschaft in unabhängige Nationen nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden. Zusammenarbeit muss vor allem mit Ländern erfolgen, welche auf einem gleichen oder ähnlichen Wertefundament stehen wie die Bundesrepublik Deutschland. Aufgrund der deutschen Geschichte ist insbesondere die Staatsräson für Israels Sicherheit ein existenzieller Bestandteil der deutschen Politik.

 

Der nächste Autoritätsbereich ist die Wirtschaft. Die Wirtschaft ist aus christlicher Sicht grundsätzlich ein weiteres wichtiges Instrument, um in einer gefallenen Schöpfung das Überleben der Menschheit zu sichern. Wie sich an den vielen Hungersnöten und Wirtschaftskrisen der Vergangenheit gezeigt hat, hängt eine Gesellschaft sehr stark von einer gut funktionierenden Wirtschaft ab. Hierfür ist eine freie auf Privateigentum und Unternehmertum basierende Wirtschaft von existenzieller Bedeutung. Eine prosperierende Wirtschaft bringt dem Menschen Arbeit und schafft einen zunehmenden Wohlstand. Die wirtschaftlichen Freiheiten schaffen allerdings auch ein Missbrauchspotential und benötigen daher einen im Sinne des Solidaritätsprinzips ausgestalteten moralischen Unterbau, ohne welchen die Wirtschaft nicht funktionieren kann. Hier sind die christlichen Regeln für ein gutes gemeinsames Miteinander von Arbeitgeber und Arbeitnehmer von großer Bedeutung. Der Arbeitnehmer hat die Pflicht ehrliche und fleißige Arbeit zu leisten. Der Arbeitgeber ist verpflichtet seinen Arbeitnehmer gerecht zu behandeln und ihm einen gerechten Lohn zu zahlen, welcher sowohl die Bedürfnisse als auch die Leistungen des Einzelnen berücksichtigt. Der Staat sollte sich mit Eingriffen in die Wirtschaft sehr zurückhalten. Er muss aber die notwendigen Rahmenbedingungen für eine freie Wirtschaft schaffen, welche sich nicht in einem Leerraum abspielen kann. Auch muss der Staat ein Auge auf Menschenrechtsverletzungen innerhalb der Wirtschaft haben und ggf. eingreifen, um z.B. eine Verelendung der Bevölkerung zu verhindern. Die moralische Hauptverantwortung liegt hier allerdings bei den wirtschaftlichen Akteuren

 

Darauf folgt der Autoritätsbereich der Kirche. Schon die Würde des Menschen erfordert es dem Menschen freizustellen, ob er sich zum Glauben bekennt oder diesen ablehnt. Kein Mensch darf zur Ausübung irgendeiner bestimmten Religion oder Weltanschauung gezwungen werden. Diese Garantie der Religionsfreiheit spielt also eine zentrale Rolle in einer christlichen Gesellschaft. Die christliche Kirche hat ihre Hauptfunktionen in der Verkündigung des Evangeliums, der Unterrichtung im Wort Gottes und der Spendung der Sakramente. Eine weitere wichtige Funktion ist die große karitative Tätigkeit. Die Verkündigung des Evangeliums ist für eine Gesellschaft von existenzieller Bedeutung, weil es die einzige Botschaft ist, welche den Menschen in seiner gesamten Fehlerhaftigkeit ernst nimmt. Eine Abkehr vom Schlechten und eine Hinwendung zu Gott können nur durch die christliche Botschaft erfolgen. Alle menschlichen Ansätze können eine echte tiefgreifende Veränderung des Menschen nicht erreichen und der Gesellschaft kein klares moralisches Fundament verschaffen. Die Kirche darf nicht über ihren Aufgabenbereich hinausgehen und muss sich aus den Aufgaben des Staates heraushalten. Die Kirche und alle Christen haben grundsätzlich die Verpflichtung sich dem Staat unterzuordnen und ihm Gehorsam zu leisten.

 

Die letzte Autoritätsbereich ist die Familie. Die Grundlage für die Familie ist die sich nach christlichem Verständnis aus der Schöpfungsordnung ergebende Ehe als grundsätzlich unauflöslicher Bund zwischen Mann und Frau, welcher auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommen ausgerichtet ist. Für eine christliche Partei ist es äußerst wichtig die korrekte Ehedefinition zu verteidigen. Gesellschaften können die naturrechtliche Ehedefinition nicht einfach nach Belieben verändern. Die Familie ist die Keimzelle des gesellschaftlichen Lebens. Die Autorität, Beständigkeit und Gemeinschaft innerhalb der Familie bilden letztlich das entscheidende Fundament für Freiheit, Sicherheit und Brüderlichkeit in der Gesellschaft. Die Familie dient vor allem der Erziehung im christlichen Glauben und in moralischen Grundwerten. Daher sind alle Tendenzen des Staates die Familie zunehmend unter staatlichen Einfluss zu bringen mit großer Entschlossenheit zurückzuweisen. Die religiöse und moralische Erziehung obliegt den Eltern und kann keinesfalls vom Staat übernommen werden. Der Staat muss vielmehr gerade in Deutschland dafür Sorge tragen, dass Familien gestärkt und in zunehmendem Maße neu gegründet werden, um die sehr negative demographische Entwicklung zu korrigieren.

 

Zusammenfassend kann man sagen, dass der christliche Konservatismus versucht, das immer und überall gültige Naturrecht auf allen gesellschaftlichen Ebenen durch ein harmonisches Zusammenwirken von Politik und christlichem Glauben zu verwirklichen. Eine perfekte Gesellschaft kann niemals durch Menschenhand geschaffen werden und alle menschlichen Versuche eine solche aus eigener Kraft zu erschaffen werden scheitern. Ein Konservativer vertraut vielmehr auf eine göttliche Lenkung hinter den Höhen und Tiefen der Geschichte der Welt, welche am Ende aller Zeit durch Gottes Hand in eine neue und vollkommene Welt übergehen wird.

 

 

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