Das 1x1 des Konservatismus - Teil I

September 18, 2018

 

Es gibt im politischen Diskurs kaum einen Begriff, der so umstritten ist und so sehr für Verwirrung sorgt, wie der des Konservatismus. Seien es seine Gegner, die das Konservative in allen erdenklichen Formen negativ einfärben wollen, insbesondere aber auch viele Akteure im mitte-rechts-Spektrum, welche gewohnheitsrechtlich als „Konservative“ einzuordnen wären und doch mit dem Label fremdeln oder gar Angst davor haben.

 

Man denke etwa an die allgemeine Hysterie in der Medienlandschaft als Alexander Dobrindt Anfang des Jahres einen Essay zum Thema Konservatismus veröffentlichte und das Motto „konservative Revolution“ in den Mund nahm. Prompt ward Dobrindt durch die Kraft eines Wortes vom bürgerlichen Politiker über Nacht zum rechtsnationalen Gefährder der Demokratie mutiert. Die Parole „konservative Revolution tauchte in der Geschichtsschreibung tatsächlich in etlichen Kontexten auf, sowohl als Etikett für friedliche bürgerliche Reformbewegungen als auch für die proto-faschistischen Gruppen in der Weimarer Republik. Die Tatsache, dass bei vielen Deutschen Konservatismus als Idee sofort die schlimmsten (sowie begrifflich eigentlich unpassenden) Assoziationen hervorruft, anstatt positive Erinnerungen an Adenauer, Erhard und viele weitere Lichtgestalten des deutschen Konservatismus, ist dringend korrekturbedürftig. Auf der anderen Seite des Spektrums würde ja auch niemand einen Politiker der SPD, der sich die Parole „soziale Gerechtigkeit“ auf die Fahnen schreibt, in eine Reihe mit Marx/Lenin/Stalin schieben. Gerade vor dem Hintergrund der umstrittenen Ereignisse in Chemnitz, wo zweifellos rechtsradikale Gruppierungen eine Rolle gespielt haben, ist eine Differenzierung zwischen Konservatismus westlich-bundesrepublikanischer Prägung und Rechtsradikalismus geboten. Zu diesem Zwecke werden hier auf dem Blog neben meinem aktuellen Beitrag in den kommenden Wochen weitere Wortmeldungen unserer Mitglieder zum Thema Konservatismus erscheinen.

 

Was ist Konservatismus also polit-philosophisch betrachtet und warum sollte die Union oder generell das mitte-rechts-Spektrum der deutschen Politik sich diesen Begriff besser zu eigen machen? Der Konservatismus im westlich-aufgeklärten Sinne geht davon aus, dass es gewisse absolute und ewig gültige Werte gibt, die nicht verhandelbar sind. Ein solcher Wert ist jedem in Deutschland bekannt und lieb, nämlich die Menschenwürde gemäß Artikel 1 des Grundgesetzes. Selbst der übelste Mörder kann sich gegenüber Staat und Polizei darauf berufen, weil nach unserem Rechtsverständnis die Menschenwürde absolut und nicht situationsbezogen Geltung hat. Für den Konservativen gibt es weitere Werte von hohem Rang, die sich entweder aus tradierter Erfahrung oder moralisch-logischer Überlegung erschließen. Dazu kann man z.B. das Festhalten an liberalem Pluralismus und Subsidiarität in der Politik, den Rechtstaatsgedanken in der Justiz, die freie Marktwirtschaft in der Ökonomie und die herausragende Stellung der Familie in der Gesellschaftspolitik zählen.

 

Der Konservatismus ist somit im politischen Spiel der Ideen der Widersacher schlechthin des sozialen Konstruktivismus bis hin zu Totalitarismus, der sich im extrem linken sowie extrem rechten Spektrum findet. Nichts ist dem Konservativen fremder als der Gedanke, eine kleine Gruppe von erlesenen politischen Führern könne von oben herab bzw. durch Zwang eine schöne neue Welt errichten, was vom platonischen „Philosophenkönig“ bis hin zur marxistischen „Avantgardepartei“ sowie dem nationalsozialistischen „Führer“ stets der Kern allen totalitären Denkens war. Der Konservative erwartet utopisches Heil erst im Himmel, auf Erden macht er idealerweise Realpolitik im Lichte der bürgerlichen Freiheiten.

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